Facebook: boykottieren oder strategisch nutzen?

Große Teile der Linken im weiteren Sinne stehen Facebook äußerst skeptisch gegenüber. Und das völlig zurecht.

Facebook ist im Kern ein Werbeunternehmen. Die ganze kostenlose Plattform gibt es nur, um NutzerInnen für Werbeanzeigen zu gewinnen. Werbeplätze sind umso wertvoller, je spezifischer vorausgesagt werden kann, wer genau diese Werbung sehen wird. Das ermöglicht nämlich zielgruppenspezifische Ansprache in Wort und Bild. Und wenn eine werbetreibende Organisation weiß, dass sie genau ihre Zielgruppe erreichen kann, statt viel Geld für unnütze Schaltungen bei desinteressierten Personen zu verschwenden, dann kann die treffsichere Werbung ruhig mehr kosten. Unterm Strich wird es trotzdem günstiger.

 

Das Unternehmen sammelt deshalb Daten, und das nicht zu knapp. Es hat aus wirtschaftlicher Sicht null Interesse an Datenschutz - die einzigen Ausnahmen sind Image-Probleme und der Versuch, sich stärker in Ländern mit strengeren Datenschutz-Regelungen zu etablieren.

Facebook schafft aus genau diesem Grund auch immer neue Anreize, um die NutzerInnen dazu zu bewegen, mehr über sich und die eigenen Interessen preiszugeben. Mehr Informationen bedeuten klarere Zuordnung zu einzelnen Zielgruppen. Und das bedeutet mehr Profit durch den Verkauf von Anzeigenplätzen.

Es gibt jedoch auch Datenschutz-Dimensionen, bei denen Facebook gern nachgibt. So können NutzerInnen mittlerweile recht genau einstellen, wer welche eigenen Beiträge zu sehen bekommt, und wer nicht. Das ist für Facebook kein Problem: Es schadet dem Unternehmen ja nicht wirtschaftlich. Die Daten fallen trotzdem an, und sie sind trotzdem für die Clusterung in einzelne Zielgruppen nutzbar. Nur externe Individuen und Organisationen bekommen sie nicht mehr.

Es ist auch unwahrscheinlich, dass Facebook diese Daten je verkaufen wird (vom Insolvenzfall einmal abgesehen): Sie sind die Quelle der Profitabilität des Unternehmens. Sie mit anderen zu teilen hieße, den strategischen Vorteil aufzugeben.

Facebook verkauft an Werbetreibende deshalb streng genommen auch nicht die Daten selbst, sondern nur deren Aufbereitung. Eine werbetreibende Organisation bekommt ja keine Datensätze à la "Martina Musterfrau, Alter 39 Jahre, Wohnort Hamburg, mag Autofahren, Gartenarbeit, Inneneinrichtung". Stattdessen gibt Facebook gegen Gebühr Zugang zur Zielgruppe "mag Inneneinrichtung, wohnt in Hamburg", in der sich dann auch Martina Musterfrau finden wird. Das Martina aber Teil dieser Zielgruppe ist, bleibt Betriebsgeheimnis Facebooks.

Trotzdem können diese Informationen natürlich nach außen gelangen, etwa durch Sicherheitslücken, Industriespionage und vor allem dem grenzenlosen Interesse der (Staats-)Sicherheitsdienste.

Viele besorgte Menschen und Organisation drängt es deshalb zum Boykott. Sie sehen die Datenschutz-Problematik als so wesentlich an, dass eine Nutzung von Facebook für sie nicht in Frage kommt.

Ist diese Position sinnvoll?

Die Menschen und Strukturen, die Facebook bewusst meiden, sind dadurch natürlich nicht Teil des Datensammel-Apparats. Sie können reinen Gewissens behaupten, diese Verquickung von Überwachung und Kapital nicht zu fördern.

Einen tatsächlichen Boykott, also den Aufbau eines solchen Drucks, dass Facebook seine Geschäftstätigkeit als Werbeunternehmen aufgibt, werden sie nicht schaffen.

Denn die Menschen nutzen Facebook. In Deutschland sind es aktuell über 26 Millionen Menschen, weltweit über eine Milliarde. Die Datenschutz-Problematik rund um die Plattform hat in den letzten Jahren zumindest in Deutschland solche Wellen geschlagen, dass davon ausgegangen werden kann, dass den NutzerInnen die Problematik durchaus bewusst ist. Und trotzdem nutzen sie Facebook.

Die Non-Profits aber, die Facebook bewusst meiden, verlieren einen wichtigen Zugang zur Erreichung ihrer eigenen Anliegen. Ihre Zielgruppe befindet sich freiwillig auf Facebook, aber niemand redet mit ihr. Außer den Unternehmen, die natürlich keine Skrupel kennen, die Möglichkeiten der Plattform zu nutzen.

De facto schaden die Facebook-vermeidenden Non-Profits so ihrem eigenen Anliegen. Sie geben einen wichtigen Kommunikationskanal preis, der ihre eigenen Anliegen vermitteln könnte, und überlassen dem Kapital das Feld. Und das ohne Vorteil für sie oder die NutzerInnen, denn ihr Boykott hat keine Aussicht auf Erfolg.

Ein transnationales Milliardenunternehmen kann nicht durch individuelle Verweigerung gezügelt werden. Dafür bedarf es struktureller Änderungen in Form nationaler und internationaler Datenschutzregelungen. Ein indivueller Boykott verkommt zu einer Frage des Prinzips, statt tatsächlich gesellschaftliche Änderungen zu bewirkungen.

Als Teil der progressiven Kräfte tun wir gut daran, uns selbst und unsere Handlungen kritisch zu reflektieren. Wir müssen beobachten, welche Kämpfe wir gewinnen können, und in welchen Feldern wir derzeit keine Chance haben. Eine Flucht in Fragen des Prinzips beruhigt zwar das Gewissen, ändert aber die Gesellschaft nicht. Die tatsächliche Verbesserung der gesellschaftlichen Zustände muss stets unser zentrales Anliegen bleiben.

Ich plädiere deshalb für eine Nutzung der Plattform, sei es Facebook oder ein anderes Werbeunternehmen, das in den nächsten Jahren Facebooks Platz einnimmt. Wir sollten kritisch reflektieren, welche Interessenlagen dabei strukturell bei uns entstehen. Wir sollten ebenfalls gesetzliche Vorstöße zu stärkerem Datenschutz aktiv unterstützen. Wir sollten aber gleichzeitig nutzen, was wir haben, um gesellschaftlich wirken zu können.

Facebook-Strategien in Ihrem Postfach.

Erfahren Sie regelmäßig, wie Sie die Menschen mit Facebook erreichen. Tragen Sie sich hier in die ImmerInhalt News ein: